Mehr als die Summe der einzelnen Teile
Eine großartige Eröffnung des Festivals "Zehn Jahre Hausmusik" im Feierwerk



Am Anfang war Wolfgang Petters. Damals, vor zehn Jahren, gründete er in Landsberg am Lech das Label "Hausmusik". Da war es klar, dass Wolfgang Petters das "Zehn Jahre Hausmusik-Festival" im Feierwerk eröffnete. Es war noch etwas leer und kühl, als er - ein hagerer Herr mit ergrauten Schläfen - als A Million Mercies auf die Bühne trat. Vor sich hatte er einen Tisch voller elektronischer Instrumente, auf Knopfdruck holperte ein verschachtelter Rhythmus aus den Boxen, dazu klang ein Gewirr von Samples und fragilen Melodien. Wolfgang Petters spielte Gitarre, mal wüst lärmend, mal klar und leise. Genau so sang er auch, zwischen Brüllen und Flüstern. Und irgendwie schien es, als läge der typische Hausmusik-Stil - dieses fremdartige Pendeln zwischen Melancholie und Verspieltheit, darunter das Chaos, das immer wieder durchbricht - hier in Reinform vor.

Natürlich wartete an diesem ersten Abend des Festivals jeder gespannt auf Notwist, den Act, mit dem Hausmusik großgeworden ist. Aber trotzdem waren die Bands, die vorher spielten, viel mehr als nur Vorbands. Tunic aus Berlin spielten minimalistische Popmusik. Lieb klangen die Sängerin, der Bass und die Gitarre. Ein bisschen zu lieb. Alle Harmonien zerstörte dann aber Carlo Fashion. Zwei Jungs am Synthie, einer am elektronischen Schlagzeug. Sie zerlegten Musik in ihre Einzelteile. Die Töne irrten hilflos umher, ab und zu zusammengehalten durch ein verzerrtes Disko- Piano. Zum Schluss klang es, als spiele eine kaputte Jukebox Techno. Pelzig aus Ingolstadt nahmen dann wieder die Gitarren zur Hand. Mal droschen sie brachial drauf ein, mal klang die Musik leise und schüchtern. Rockmusik ohne Ohrwurmmelodien. Die brauchte es auch gar nicht. Das Publikum war auch so begeistert.

Notwist mussten eigentlich gar nichts mehr machen. Man jubelte ihnen schon zu, als sie noch an ihren Verstärkern herumfingerten. Und es war klar, dass beim ersten Akkord die Menge zu wogen beginnt. Notwist spielten gutgemischt alte, wohlbekannte und neue Songs. Die melancholischen Melodien von Markus Achers Gesang klangen so vertraut, als wären sie schon immer da gewesen. Elektronik brodelte im Untergrund, und ab und zu wurde ein Bläsersatz von einer knisternden Platte eingespielt. Ein großartiger Auftritt. Ein großartiger Abend.

PAUL-PHILIPP HANSKE
sueddeutsche zeitung - 14.09.2001