Ted Milton & Loopspool
Am Anfang war das Tape, und das Tape wanderte. Von Landsberg nach London nach Landsberg nach Weilheim. Und Schicht um Schicht lagerte sich an, wurde wieder subtrahiert oder neu editiert. Ganz alltägliche Vorgänge erfahren aber erst eine Aura des Ereignishaften, wenn die einzelnen Spuren (die Egos der Musiker, ihre Historie, die Arbeitsprozesse etc.) zu einer zwingenden Einheit verschmelzen, deren Unmittelbarkeit dich unweigerlich packt und alle Grenzen zwischen Innen und Außen auflöst. Ted Milton hat dieses Gefühl schon einmal vermittelt, Anfang der 80er, als er mit seiner Band Blurt in ihrer Zerrissenheit hypnotische No Wave-Hymnen schrieb und Punk damit den Rückweg abschnitt. Andreas Gerth, aka Loopspool, ist als Maschinist und Ingenieur der große Rückhalt beim Weilheimer Tied and Tickled Trio. Seine verschachtelten Soundscapes sind die Grundlagen für die taktilen Improvisationen der übrigen Mitspieler. Das Aufschichten von Klangmaterial erzeugt im Zusammenspiel mit den Instrumentalisten des Tied+Tickled Trios einen emotionalen Sog, der Raum und Zeit aufzuheben vermag.. Bei Miltons und Gerths gemeinsamen Projekt weicht diese Unmittelbarkeit einem hauchzarten Exhibitionismus. Aus einem anfänglichen Mail Art-Spaß ist ein sehr lebendiges Wesen erwachsen, mit echten Gefühlen und getragen von einer verschlafenen Melancholie. Und wo gewisse chemikalische Reaktionen ganz unerwartet Prozesse in Gang setzen, denen man sich besser nicht entgegenstellt (es sind Naturgewalten!), keimt plötzlich Pop auf - makellos, filigran und geheimnisvoll transparent.

Ein Schlangenei voll von vergilbten Briefen, verblaßten Erinnerungen und verdrängten Streifzügen durch die Nacht. Miltons Peotry gibt einen neuen Gavin Friday preis, der seine Melancholie in gepflegtem Bar/Lounge-Ambiente zelebriert, weil er nicht mit ihr allein sein kann. Der ehemals tiefrote Samt an den Wänden ist inzischen in einen morbides Dunkelrot übergegangen, warum sollte die Zeit auch ausgerechnet vor dem Wandbehang haltmachen? Als desillusionierter Crooner läßt Ted Milton seinen emotionalen Sturzbächen freien Fluß, sein markantes Saxophon zieht sich zurück und fungiert nur noch dort als Sprachrohr, wo Schweigen die nachhaltigsten Akzente setzt. Das Timbre stimmt, noch einmal hat Milton seine eigene Sprache gefunden; und dieWorte sind stark.

Die Vinyl-Ausgabe von "sublime", erste volle lp, erschien Ende März 00 bei Hausmusik, die CD auf Charhizma.

Damit ist Ted Milton/Loopspool nach Bernhard Fleischmann das zweite klassische Pop-Projekt auf dem Wiener Label. Was auf den ersten Blick etwas deplaziert erscheint, macht, wenn man es genau betrachtet, natürlich Sinn: In der Arbeitsweise unterscheiden sich Loopspool und die elektronische Avantgarde auf Christof Kurzmanns Label nur unwesentlich voneinander. Pop's just one step away!